Benehmen und Höflichkeit nach Ian Mortimer

(aus dem Buch "Im Mittelalter, Handbuch für Zeitreisende")

Die mittelalterliche Gesellschaft wirkt in ihren Augen womöglich schmutzig, brutal und ungehobelt. Damit liegen Sie wohl nicht ganz falsch, aber das heißt nicht, dass es keine hohen Höflichkeitsstandarts gibt. Vor allem in der Gesellschaft der Reichen und Mächtigen wird besonderer Wert auf gutes Benehmen gelegt.

Wichtige Herren können da sehr empfindlich sein, und jede Respektlosigkeit ihnen oder Angehörigen ihres Haushalts gegenüber führt leicht zu Bitterkeit, Feindseligkeit und Gewalt.

Schauen Sie die königlichen Urkunden nach der Zahl der Männer durch, die nach einem Mord begnadigt worden sind; und dann denken Sie an die Abertausend Galgen überall im Land, die nie lange leer bleiben.

Manieren machen den Mann, heißt es. Sicher aber kann ein Mangel an Manieren einen Mann auch zunichtemachen.

Wichtig ist, sich immer das allgemeine Verlangen nach Respekt vor Augen zu halten. Die moderne Vorstellung, dass man seine Standesgenossen beeindruckt, indem man gesellschaftlich Höherstehende mit unverschämter Arroganz begegnet, hat im Mittelalter kenen Platz.

 

- Wenn Sie in das Haus eines gesellschaftlich Gleichrangigen oder Ranghöheren kommen, erwartet man von ihnen, dass Sie Ihre Waffen beim Torhüter abgeben oder sie ihrem Gastgeber überreichen.

"Wer immer in ein Haus kommt, sorge dafür, dass er nichts Gefährliches mitbringt", heißt es.

 

- Betreten Sie die große Halle nie ohne Erlaubnis, unabhängig davon, bei wem Sie sich gerade aufhalten. Bei einem Freibauern oder Kaufmann wird wahrscheinlich ein Bediensteter Ihre Ankunft ankündigen. Bei wichtigen Adeligen wird der Kammerherr oder der Zeremonienmeister oder einer seiner Platzanweiser Sie zu seinem Herrn oder seiner Herrin führen.

 

- Nehmen Sie um Gottes Willen Ihren Hut, Ihre Mütze oder Kaputze ab und lassen Sie sie unten, bis man ihnen sagt, dass Sie sie wieder aufsetzen können.

 

- Beim Eintritt verbeugen Sie sich, wenn der Mann oder die Frau Ihnen gleichrangig ist.

 

-Bei Höherrangigen begeben Sie sich wenigstens einmal auf die Knie (mit dem rechten Knie bis zum Boden bitte).

 

- Wenn Sie vor den König geführt werden, vor allem wenn Sie ihm noch nicht vorgestellt worden sind, knien Sie beim Eintritt in das Zimmer oder den Saal, gehen dann bis zur Mitte des Raumes und knien erneut.

 

- Wenn der König mit Ihnen zu sprechen wünscht, wird er Sie heranwinken.

 

- Wenn der Kammerherr Ihnen sagt, dass Sie stehen bleiben sollen, tun Sie das und gehen sie auf die Knie - dreimal.

 

- Warten Sie bis man Sie anspricht.

 

- Sprechen Sie auf keinen Fall den König zuerst an.

 

-Wenn Sie aufgefordert werden, etwas zu sagen, fangen Sie immer mit einen Gruß an, mit so etwas wie "Gott sei mit Euch, Herr".

 

- Verbeugen Sie sich immer, wenn man Sie zum Sprechen auffordert.

 

- Wenden Sie ihre Augen nicht vom König ab: Sie sollten ihn direkt und offen anschauen (wie jeder andere Gleichrangige oder Höherstehende, anders als in späteren Jahrhunderten).

 

- Drehen Sie einem Ranghöheren nie den Rücken zu. Das wäre einfach unverschämt.

 

- Wenn Sie eingeladen sind, eine Zeit lang am Hof eines wichtigen Herrn zu bleiben, werden Sie oft und lange einfach herumstehen.

 

- Setzen Sie sich nicht hin, solange der ranghöchste Anwesende Ihnen nicht die Erlaubnis dazu gibt. (das ist nicht notwendiger Weise der Hausherr; falls der König, die Königin oder irgendeine andere Person höheren Standes gerade zu Besuch ist, gebührt ihm oder ihr dieses Vorrecht.)

 

- Wenn ein ranghöherer eintritt, ziehen Sie sich zurück und machen ihm Platz, sodas er näher beim Herrn oder der Herrin stehen kann als Sie.

 

- Denken Sie daran, während Sie so da stehen, die Augen nicht umherschweifen lassen.

 

-  Kratzen Sie sich nicht.

 

- Lehnen Sie sich nicht an eine Säule oder Wand.

 

- Fummeln Sie nicht an der Nase, den Zähnen oder Nägeln herum.

 

- Spucken Sie im Haus nicht aus.

 

Solange Sie selbst keinen hohen Status besitzen oder nicht mit der gesellschaftlich angesehensten Person unter den Anwesenden sehr gut bekannt sind, achten Sie unbedingt auf Ihre Bewegungen und Gesten. Alles kann als Zeichen von Respektlosigkeit gegen Sie verwendet werden, und nicht Sie, sondern der Ranghöhere bestimmt, was respektlos ist und was nicht.